Mit einer modifizierten BMW K 1200 S in der Salzwüste Utahs

Die vierten internationalen Speed Trials auf den berühmten Bonneville Salt Flats in Utah rücken immer näher, und schon jetzt fiebert der Fan der BMW K Reihe und selbsterklärte „Geschwindigkeitsfreak“ Andy Sills der größten Herausforderung seiner Lebens entgegen. Vor zwei Jahren stellte der 58-Jährige auf einer gewöhnlichen K 1200 S einen Weltrekord in der FIM-Klasse der teilweise stromlinienförmigen Serienmotorräder mit 1000-1350 cm3 und mit Saugmotor auf. Auf den ausgedehnten Salzebenen erreichte er eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 279,32 km/h mit Spitzenwerten von 284,506km/h.

Dieses Mal ist die Herausforderung, der sich Andy Sills stellt, sogar noch größer. Denn er will versuchen, den derzeitigen Weltrekord in der 1400m3-Klasse zu brechen, in der – was die erlaubten Modifizierungen der Maschine, die Wahl der Motorenkomponenten und die Kraftstoffart angeht – fast alles möglich ist. Der aktuelle Weltrekord liegt zwar bei unglaublichen 412 km/h, stellt aber für Andy genau die Herausforderung dar, auf die er schon sein ganzes Leben gewartet hat.

Andy kam erst in den Vierzigern zum Motorradfahren, nachdem er ein Produktionsunternehmen mit Erfolg aufgebaut und verkauft hatte. Daher war er in der beneidenswerten Position, über viel Freizeit zu verfügen, die er bald schon zum Motorradfahren nutzte. In den vergangenen zehn Jahren ist Andy über 650.000 km gefahren. Die vertane Zeit hat er also wettgemacht.

Entscheidend ist nicht so sehr, wie lange man schon fährt, sondern, wie viele Kilometer man tatsächlich zurückgelegt hat. Nach dem Verkauf meines Unternehmens hatte ich alle Zeit der Welt und so war ich eben sehr, sehr oft mit dem Motorrad unterwegs. Als kleiner (1,57 m), leichter (58 kg) Typ fühlte ich mich natürlich zu großen Motorrädern hingezogen. Zuerst hatte ich eine Harley und eine Ducati; später kaufte ich eines der fantastischen BMW Motorräder, eine K 1200 RS. Mit diesem Bike konnte ich lange Strecken zurücklegen. Dabei machte ich die Entdeckung, dass es über Stunden hinweg sehr schnell fahren konnte.”

Schon bald nach dem Kauf der 130 PS starken K 1200 RS wurde Andy klar, dass die Wüste genau der geeignete Ort war, um sein High-Speed-Potenzial auszutesten. Da er in Kalifornien lebte, konnte er auf der Suche nach perfekten Straßen problemlos nach Nevada oder Arizona reisen. Auf gutem Asphalt und bei guten Sichtverhältnissen konnte Andy mit der K 1200 RS schnell und sicher fahren. In dieser Zeit etwa kam er auch zu dem Schluss, dass es schön wäre, an einem Land Speed Racing teilzunehmen.

Nachdem er in einem Motorradmagazin einen Artikel über den BMW Händler von San Jose in Kalifornien (der auf einem Sondermodell des BMW Boxer einen Land Speed Record/nationalen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt hatte), fuhr Andy dorthin, stellte sich dem Leiter des Händlerbetriebs vor und erzählte ihm, dass er wegen der Anzeige für einen Testfahrer gekommen sei. Als Chris Hodgson, der Besitzer des Händlerbetriebs von San Jose und legendäre Tuningexperte, ihm erwiderte, dass er eine solche Anzeige gar nicht aufgegeben habe, sprach Andy Klartext und gestand ihm, dass er alles für eine solche Fahrt geben würde. Er erklärte ihm, dass er keinem Brotberuf mehr nachgehe, über viel Zeit verfüge und diese größtenteils für schnelle Motorradfahrten in der Wüste nutze – in der er mehr als 160.000 km gefahren sei – und dass er mit Sicherheit der Richtige für diesen Job sei.

Seine Ansicht, mehr Erfahrung im Hochgeschwindigkeitsfahren in der Wüste zu haben als irgend ein anderer, muss er überzeugend vertreten haben, denn sechs Monate später erhielt er einen Anruf von Willie Hodgson von San Jose BMW, der wegen der Schwangerschaft seiner Frau nicht an der Bonneville Speed Week teilnehmen konnte. Als Andy Sills auf der Startlinie stand, konnte er sein Glück, sich noch im hohen Alter von 51 Jahren seinen Traum erfüllen zu dürfen, kaum fassen.

„Bonneville ist ein magischer Ort. Das wurde mir schon auf meiner allerersten Fahrt vor sieben Jahren klar – es war wirklich genauso wie in dem Kinofilm ‚World’s Fastest Indian’ mit Anthony Hopkins. Ich stand auf der Startlinie. Vor mir lag eine 20 Meilen lange Salzstrecke, und von Weitem waren die Berge zu sehen, die sich so geheimnisvoll zu bewegen scheinen. Hinter mir war ein Typ in einem ‚stromlinienförmigen’ Fahrzeug, das 700 km/h fahren konnte. Der Starter sagte: „Die Rennstrecke gehört Ihnen“, und ich gab behutsam Gas – schließlich trat ich ja nur gegen mich selbst an! Sobald ich 130 Meilen pro Stunde (210 km/h) erreicht hatte, verschanzte ich mich hinter dem Windschild, und als ich beschleunigte, war das ein ganz erhebendes Gefühl – eines, das ich nie vergessen werde!”

Inzwischen war die Einführung der neuen, 167 PS starken K 1200 S von BMW Motorrad im Herbst 2004 ein wichtiges Ereignis für Andy. Für ihn stellte der Wechsel von der RS, die ihm so treue Dienste geleistet hatte, zu diesem außerirdischen ‚Superbike’ – dem leistungsstärksten Werksmotorrad, das BMW jemals hergestellt hat, eine logische Konsequenz dar. Das war natürlich, kurz bevor er ein Riesenfan der völlig neuen zweiten K-Generation wurde.

„Ich hatte immer viele Motorräder,“ sagt Andy. „Ich hatte 600er, 1000er und jede von ihnen fährt schnell, aber keine fühlt sich so an wie die K 1200 S. Dieses Bike fühlt sich bei 150 Meilen genauso gut an wie bei 90 Meilen. Es ist absolut stabil und es gibt keinen einzigen Moment der Unsicherheit.“

In Sachen Fahrerbekleidung schwört Andy auf das AirFlow-Sortiment, das ihm bei sengender Hitze in der Wüste zu einer dauerhaften Kühlung verhilft. „Die Motorräder und die Fahrerausstattung, die BMW etwa während der letzten sieben Jahre hergestellt hat, sind einfach fantastisch. Auf den Fahrten durch die Wüste trage ich einen Airflow-Anzug, Stiefel und Handschuhe und damit kann ich es – so lange ich in Bewegung bleibe – tagelang dort aushalten! Ich bin in diesem Sommer schon fünfmal um das Death Valley herumgefahren und die Temperatur stieg auf bis zu 50 Grad Celsius an. Dann möchte man wirklich keinen allzu langen Stopp einlegen!“

Die Rennen der Bonneville Speed Week finden immer über fünf oder sechs Tage statt, damit man sich für eventuell auftretende Wetterprobleme wappnen kann. Bei Regen ist natürlich Wasser auf dem Salz, und schon bei einer kleinen Regenmenge ist die Ebene mit mehreren Zentimetern Wasser bedeckt. Wenn es in den umliegenden Bergen regnet, kann das Wasser nach unten fließen und tatsächlich zwei oder drei Tage später durch das Salz nach oben dringen. Zurzeit befindet sich schon eine relativ große Menge Wasser auf der Strecke. Wenn die Trials in dieser Woche stattfänden, würden keine Rennen gefahren. Wenn es aber heiß und windig genug ist, kann das Wasser sehr schnell verdunsten.

Aber wie ist es eigentlich, mit einem Motorrad auf Salz zu fahren? „Wenn man das Salz mit der Hand berührt, fühlt es sich glitschig an – ungefähr so wie feiner Schotter,“ sagt Andy. „Aber wenn man das Motorrad gerade aufstellt und erst einmal losgefahren ist, fühlt es sich genauso an, als würde man auf Asphalt fahren. Beim Fahren ist das Salz überraschenderweise sehr fest und fühlt sich gar nicht glitschig an, solange man nicht zu schnell beschleunigt oder zu schnell schaltet!“

Wenn man mit sehr hoher Geschwindigkeit fährt, sind auch noch andere Faktoren zu berücksichtigen. Andy verwendet einen Helm mit einem transparenten Visier, trägt darunter aber eine polarisierte Sonnenbrille, die ihm ein kontrastreicheres, besseres Sehen ermöglicht. Er verwendet auch Ohrstöpsel aus Schaumstoff, um den Lärm auf ein erträgliches Maß abzusenken und sein Gehör zu schützen. Die Tatsache, dass er farbenblind ist, spielt auf dem Salz keine wirklich entscheidende Rolle, da ja ohnehin alles weiß ist! Wie Sie sich sicher gut vorstellen können, läuft es für Speed Tests umso besser, je weniger Wind über die Rennstrecke bläst.

„Man wünscht sich für seine Rennen so wenig Wind wie möglich. Wenn man aber gegen Wind anzukämpfen hat, ist es das Beste, zu entspannen und sich in ihn hineinzulegen. Sobald mich ducke, fokussiere ich immer einen Punkt in der Ferne – so gelingt es mir, das Motorrad auf einer geraden Linie zu halten – und dann empfinde ich das Fahren bei hoher Geschwindigkeit als etwas völlig Friedvolles. Die Strecke ist in der Regel rund fünf Meilen lang. Die Geschwindigkeit wird zwischen der vierten und fünften Meile gemessen. Auf der K 1200 S habe ich die Geschwindigkeit normalerweise schon nach zweieinhalb Meilen erreicht. Ich suche mir einen Berg in der Ferne aus und fixiere ihn. So sieht man das Salz vor einem nicht.“

Andy Sills wird von einem Händlerbetrieb von BMW Motorrad USA in Südnevada, BMW Las Vegas, gesponsort, der sich der Leistung und Geschwindigkeit ganz besonders verschrieben hat – was in einem Bundesland mit so vielen großen unbebauten Flächen nicht weiter überrascht! Für den Rekordversuch wird Andy eine umgerüstete 2007er K 1200 S fahren. Mit der Unterstützung von Freunden und Profis soll ein Motorrad entwickelt werden, das ihm die Möglichkeit bietet, schneller als je zuvor zu fahren.

„Wir wollen ein Geschwindigkeitsrekord-Motorrad für die 1200er-1300er Klasse bauen, also die schnellste Motorradklasse, die es bei solchen Rennen gibt. Man darf jeden Kraftstoff, jeden Turbolader und jedes Stickoxidsystem verwenden, das man möchte. Der aktuelle Rekord, der von John Noonan aufgestellt wurde, liegt bei 256 Meilen pro Stunde. Das Motorrad wird so ähnlich ausehen wie die K 1200 S, aber etwa drei Zoll niedriger und acht Zoll länger sein. Der Motor wird komplett umgerüstet. Die Blechteile und die Aerodynamik sind jedoch praktisch identisch. Dieses Motorrad wird von Menschen gebaut, die genau wissen, wie man eine Maschine schnell macht.“

Alex Raphael von MaxRPM Motorsports in Washington übernimmt einen Großteil der Vorbereitungsarbeiten an der K 1200 S – gemeinsam mit Andys Freund Helli Kornton, der das Projekt vor Ort leitet. Die Firma hat sich auf das Tunen von Drag Racing Bikes und Luxusautomobilen mit NOS-Turboladern. Das Bike wird in mehreren Phasen entwickelt; die Teilnahme an den Speed Trials dieses Jahres ist der erste Test zur Vorbereitung auf einen ernsthaften Geschwindigkeitsrekordversuch 2008.

Die erste Phase ist für das Rennen in Bonneville vom 2.-6. September geplant; die K 1200 S wird einen Turbolader haben, um drei Zoll tiefer gelegt sein sowie ein neues Getriebe auf Basis der vorhandenen modifizierten Getriebes und einen Serien-Achsantrieb erhalten. In Phase 2, die hoffentlich bis zum Landgeschwindigkeits-Event in Bonneville vom 3.-6. Oktober abgeschlossen sein wird, kommt ein nagelneuer, speziell entwickelter Verteilergetriebe- / Kettenantriebswandler hinzu, der den Serien-Achsantrieb mit dem Hinterrad koppelt. Das ermöglicht mittels einer Hinterrad-Riemenscheibe eine viel größere Übersetzung im oberen Drehzahlbereich; dadurch nehmen Gesamtlänge und Radstand um acht Zoll zu.

Phase drei wird alle oben beschriebenen Elemente umfassen, allerdings werden der Turbo und die externen Motormodifikationen sowie weitere Modifikationen der Verkleidung zugunsten einer optimalen Aerodynamik noch verändert. Geplant ist, dass die Entwicklung von Phase drei bis Juni 2008 abgeschlossen und das Bike getestet und rennbereit ist, so dass der Rekord bei den BUB Motorcycle Speed Trials im nächsten Jahr ernsthaft attackiert werden kann.

„Realistisch betrachtet, haben wir in den kommenden Wochen noch eine Menge Entwicklungsarbeit zu leisten und auch vieles zu verändern,“ betont Andy. „Der Rekord, den es zu brechen gilt, liegt bei 256 Meilen pro Stunde (412 km/h), und die einzigen ‚Motorräder’, die schnell fahren, sind die stromlinienförmigen – die speziell angefertigten ‚Raketenschiffe’, die gar nicht wie Motorräder aussehen, aus denen aber gut über 300 Meilen pro Stunde herauszuholen sind.“

Die gute Nachricht für Andy ist, dass er für dieses ehrgeizige Projekt eine Menge Unterstützung erhalten wird. Die umgerüstete K 1200 S wird im nächsten Monat in Bonneville erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen sein. Das wurde der amerikanischen BMW Gemeinde öffentlich bekannt gegeben, und die Plätze bei der ersten BMW XPLOR Speed Rally, die zusammen mit den BUB Motorcycle Speed Trials auf den Salt Flats ausgetragen wird, füllen sich schnell: Fahrer aus dem ganzen Land werden nach Utah kommen, um Andy vom 2. bis 6. September anzufeuern. Wir werden Ihnen kurz darauf berichten, wie die ersten Rennen gelaufen sind.